ZWEI JAHRE, EIN NEUER KLANG

Christoph Siebert über 2027, Klangästhetik und die Zukunft der Kirchenmusik

„Ein Konzert kann dann selbst zu einer Art Erzählung werden.“

„Beziehungen hörbar machen“

Nach zwei Jahren mit dem Bachchor Mainz zieht Christoph Siebert eine künstlerische Bilanz – und beschreibt, wohin sich der Chorklang entwickeln soll.

Christoph Siebert, wenn Sie im Januar 2027 mit dem Bachchor im Universitätsgottesdienst die Bach-Kantate „Jesus schläft, was soll ich hoffen“ dirigieren, blicken Sie auf zwei Jahre als künstlerischer Leiter des Ensembles zurück. Wie fällt Ihr Resümee aus – was hat Sie überrascht, was sind die Ziele?

Christoph Siebert: Überrascht hat mich die Entwicklung des Chorklangs. Er scheint mir flexibler und weicher geworden zu sein. Durch die vermehrten Konzertprogramme ohne oder mit nur wenigen Instrumenten als Begleitung konnten wir fokussiert an intonatorischen Details und der Textartikulation arbeiten. Diesen Weg werden wir fortsetzen. Das gilt im Übrigen auch für die Arbeit an den Bach-Kantaten. Die überschaubaren Besetzungen und die enge Verbindung von Sprache, musikalischer Linie und instrumentaler Farbe verlangen vom Chor eine große klangliche Beweglichkeit. Diese Erfahrungen können dann wiederum in die großen oratorischen Werke zurückwirken.

Was bereits in Ihrem ersten Jahr auffiel, waren Konzertformen, die in Mainz so in der Form noch nicht gängig waren, im Tonträgerbereich würde man von Konzeptalben sprechen. So auch zuletzt die Schubert-Soiree. Welche Bedeutung spielen solche programmatischen Verknüpfungen für Sie in der Konzertplanung?

Christoph Siebert: Mich interessiert dabei besonders, Werke nicht einfach nur aneinanderzureihen, sondern Beziehungen hörbar zu machen. Ein Konzert kann dann selbst zu einer Art Erzählung werden, in der sich unterschiedliche Werke gegenseitig kommentieren und neue Perspektiven eröffnen. Gerade bei einem Chor eröffnen solche Programme zudem die Möglichkeit, die verschiedenen Facetten des Ensembles zu zeigen.

Neben deutlich mehr kammermusikalischen Auftritten und a-cappella-Werken hat der Bachchor Mainz mit der Staatsphilharmonie auch eine sehr erfolgreiche Tournee mit Orffs „Carmina Burana“ realisiert. Ist das ein Konzept, mit dem der Bachchor unter Ihrer Leitung in die Zukunft geht und ein eigenes künstlerisches Profil für sich definiert: da anspruchsvoller Ensemble-Chor mit weniger populären Werken, dort die anspruchsvollen Chor-/Orchesterwerke vom 18. bis ins 20. Jahrhundert plus bekannte Tournee-Werke?

Christoph Siebert: Abwechslung und Bandbreite sind für mich in der chorischen Arbeit und in der Programmgestaltung wichtig. Ich möchte den Bachchor nicht auf eine bestimmte Klangästhetik oder ein bestimmtes Repertoire reduzieren. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, in unterschiedlichen musikalischen Welten überzeugend zu Hause zu sein – vom anspruchsvollen a-cappella-Satz, liedhaften Miniaturen über die Bach-Kantaten bis zum großen romantischen oder modernen Chor-Orchesterwerk. Ein solches Spektrum verlangt Flexibilität und erweitert zugleich die künstlerischen Möglichkeiten des Ensembles.

Christoph Siebert

„Ich möchte den Bachchor nicht auf eine bestimmte Klangästhetik oder ein bestimmtes Repertoire reduzieren.“

Im kommenden Jahr sind Sie erstmals von Beginn an verantwortlich für die gesamte Konzertplanung. Und es fällt auf: Auch dort gibt es wieder eine Reihe von Neuerungen und herausragende Jubiläen, unter anderem Beethovens C-Dur-Messe – eine Premiere für den Bachchor, der bislang die „Missa solemnis“ im Repertoire hatte – und erneut eine Soiree. Was war Ihr Leitgedanke bei der Programmgestaltung für 2027?

Christoph Siebert: Ich bin sehr glücklich, dass wir 2027 gleich zwei herausragende Jubiläen im Konzert feiern dürfen: 300 Jahre Matthäuspassion sowie 200. Todestag Beethovens! Und dies mit der von mir so heiß geliebten C-Dur-Messe, die in vielem die große Missa vorwegnimmt, erprobt quasi, und eine weite Palette schöner Farben und Stimmungen bereithält und eine sehr persönliche Auseinandersetzung Beethovens mit dem Messtext ist. Die C-Dur-Messe von 1807 ist tatsächlich ein faszinierendes Gegenstück zur späteren „Missa solemnis“. Beethoven bewegt sich hier noch stärker zwischen der Tradition der klassischen Wiener Messe und einer zunehmend individuellen, sinfonisch gedachten Tonsprache. Gerade deshalb finde ich es reizvoll, dieses Werk in Mainz erstmals mit dem Bachchor zu präsentieren: Es erweitert nicht nur unser Beethoven-Repertoire, sondern zeigt auch eine andere, unmittelbarere Seite seines Umgangs mit geistlicher Musik. Und bei der Matthäuspassion kommt natürlich noch etwas ganz Besonderes hinzu: 2027 jährt sich ihre erste Aufführung um 300 Jahre.

Die ökumenischen Vespern in der Augustinerkirche sind 2026 nach vielen Jahren ausgelaufen. Wie geht es hier weiter – wird es hier eine Alternative geben?

Christoph Siebert: Wir sind in Gesprächen über Alternativformate ohne Kantate, zum Beispiel in Form einer Vesper mit Motetten-Einlagen. Mir ist wichtig, dass geistliche Musik auch jenseits des klassischen Konzertformats ihren Platz behält. Eine Vesper bietet dafür einen sehr unmittelbaren Rahmen: Musik, Raum, Text und Liturgie können sich gegenseitig tragen, ohne dass daraus zwangsläufig ein großes Konzertprojekt werden muss.