
„Ich möchte den Bachchor nicht auf eine bestimmte Klangästhetik oder ein bestimmtes Repertoire reduzieren.“
Für 2027 verbindet Siebert zwei große Jubiläen mit einer bewussten Erweiterung des Mainzer Repertoires: Bachs Matthäus-Passion und Beethovens C-Dur-Messe.
Die beiden großen christlichen Kirchen sind unverändert mit einer beträchtlichen Zahl an Kirchenaustritten konfrontiert. Der Bachchor Mainz ist fest in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau verankert und hat dort seine institutionelle Heimat. Was kann Kirchenmusik und geistliche Chormusik leisten, um die Menschen wieder näher an ihre Kirche heranzuführen?
Christoph Siebert: Gut musizieren. Das klingt zunächst lapidar, ist aber vielleicht die anspruchsvollste Antwort. Musik kann niemanden zum Glauben zwingen und soll das auch nicht versuchen. Sie kann aber einen Raum schaffen, in dem Menschen für eine bestimmte Zeit zur Ruhe kommen, sich berühren lassen und Erfahrungen machen, die sich nicht allein über Worte vermitteln. Das Potenzial der geistlichen Musik ist enorm und sie gehört in meinem Verständnis zwingend in den Alltag der Gemeinden hinein.
Erstaunlicherweise finden die großen theologischen Themen des Christentums – Geburt, Kreuzigung und Auferstehung des Gottessohnes – immer wieder ein großes Publikum, sowohl im Kirchen- wie im Konzertraum und oftmals quer durch alle Generationen. Wie erklärt sich das, obwohl 2025 nur noch 44 Prozent aller Deutschen in den beiden großen christlichen Kirchen gemeldet waren – 30 Jahre vorher waren es noch 68 Prozent?
Christoph Siebert: Vielleicht zeigt die Resonanz auf geistliche Musik auch, dass die Beschäftigung mit diesen Themen nicht allein eine Frage der Kirchenzugehörigkeit ist. Bach oder Händel, Mozart oder Beethoven sprechen mit ihrer Musik existenzielle Fragen an, die Menschen unabhängig von ihrer religiösen Biografie beschäftigen: Schuld und Vergebung, Tod und Hoffnung, Verlust und Trost. All das sind Themen des Lebens und der menschlichen Existenz, die in einer intelligenten und vor allem glaubwürdigen Verknüpfung der Kirchen auch Potenzial haben, die Menschen von der Sinnhaftigkeit, ja Notwendigkeit zu überzeugen, dass Kirche für existenzielle Facetten menschlichen Seins eine Heimat bietet. In guten wie in schlechten Zeiten.
Eine lange Tradition hat die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Evangelische Theologie in Mainz, in deren Rahmen seit Jahrzehnten die beliebten monatlichen Universitätsgottesdienste stattfinden mit jeweils einer Bach-Kantate. Was bedeutet Ihnen persönlich diese Zusammenarbeit?
Christoph Siebert: Sehr viel! Es ist ja das Herzstück meiner Arbeit in Mainz. Die Beschäftigung mit dem Korpus der Bach-Kantaten ist in jeder Minute ein solcher Gewinn für alle Beteiligten! Sie trägt dazu bei, Trost und Hoffnung und Liebe in die Welt zu musizieren. Für mich ist dabei entscheidend, dass die Kantaten nicht als museale Werke behandelt werden. Sie sind aus einer konkreten liturgischen Situation heraus entstanden und verbinden Bibelwort, Predigtgedanken, musikalische Rhetorik und menschliche Erfahrung auf einzigartige Weise. Wenn wir diese Verbindung in der heutigen Aufführung wieder erfahrbar machen können, ist sehr viel gewonnen.


