BACHCHOR MAINZ MUSIKJOURNAL · AUSGABE 1 · OKTOBER 2026
DAS INTERVIEW

Musikjournal

Christoph Siebert über 2027, Klangästhetik und die Zukunft der Kirchenmusik
Christoph Siebert, Bachchor Mainz

„Beziehungen hörbar machen“

Zwei Jahre als künstlerischer Leiter des Bachchor Mainz – und der Blick nach vorn.

„Ein Konzert kann dann selbst zu einer Art Erzählung werden.“
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ZWEI JAHRE, EIN NEUER KLANG

Nach zwei Jahren mit dem Bachchor Mainz zieht Christoph Siebert eine künstlerische Bilanz – und beschreibt, wohin sich der Chorklang entwickeln soll.

Christoph Siebert, wenn Sie im Januar 2027 mit dem Bachchor im Universitätsgottesdienst die Bach-Kantate „Jesus schläft, was soll ich hoffen“ dirigieren, blicken Sie auf zwei Jahre als künstlerischer Leiter des Ensembles zurück. Wie fällt Ihr Resümee aus – was hat Sie überrascht, was sind die Ziele?
Christoph Siebert: Überrascht hat mich die Entwicklung des Chorklangs. Er scheint mir flexibler und weicher geworden zu sein. Durch die vermehrten Konzertprogramme ohne oder mit nur wenigen Instrumenten als Begleitung konnten wir fokussiert an intonatorischen Details und der Textartikulation arbeiten. Diesen Weg werden wir fortsetzen. Das gilt im Übrigen auch für die Arbeit an den Bach-Kantaten. Die überschaubaren Besetzungen und die enge Verbindung von Sprache, musikalischer Linie und instrumentaler Farbe verlangen vom Chor eine große klangliche Beweglichkeit. Diese Erfahrungen können dann wiederum in die großen oratorischen Werke zurückwirken.
Was bereits in Ihrem ersten Jahr auffiel, waren Konzertformen, die in Mainz so in der Form noch nicht gängig waren, im Tonträgerbereich würde man von Konzeptalben sprechen. So auch zuletzt die Schubert-Soiree. Welche Bedeutung spielen solche programmatischen Verknüpfungen für Sie in der Konzertplanung?
Christoph Siebert: Mich interessiert dabei besonders, Werke nicht einfach nur aneinanderzureihen, sondern Beziehungen hörbar zu machen. Ein Konzert kann dann selbst zu einer Art Erzählung werden, in der sich unterschiedliche Werke gegenseitig kommentieren und neue Perspektiven eröffnen. Gerade bei einem Chor eröffnen solche Programme zudem die Möglichkeit, die verschiedenen Facetten des Ensembles zu zeigen.
Neben deutlich mehr kammermusikalischen Auftritten und a-cappella-Werken hat der Bachchor Mainz mit der Staatsphilharmonie auch eine sehr erfolgreiche Tournee mit Orffs „Carmina Burana“ realisiert. Ist das ein Konzept, mit dem der Bachchor unter Ihrer Leitung in die Zukunft geht und ein eigenes künstlerisches Profil für sich definiert: da anspruchsvoller Ensemble-Chor mit weniger populären Werken, dort die anspruchsvollen Chor-/Orchesterwerke vom 18. bis ins 20. Jahrhundert plus bekannte Tournee-Werke?
Christoph Siebert: Abwechslung und Bandbreite sind für mich in der chorischen Arbeit und in der Programmgestaltung wichtig. Ich möchte den Bachchor nicht auf eine bestimmte Klangästhetik oder ein bestimmtes Repertoire reduzieren. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, in unterschiedlichen musikalischen Welten überzeugend zu Hause zu sein – vom anspruchsvollen a-cappella-Satz, liedhaften Miniaturen über die Bach-Kantaten bis zum großen romantischen oder modernen Chor-Orchesterwerk. Ein solches Spektrum verlangt Flexibilität und erweitert zugleich die künstlerischen Möglichkeiten des Ensembles.
Porträt von Christoph Siebert
Christoph Siebert · Foto: Boris Palm
Im kommenden Jahr sind Sie erstmals von Beginn an verantwortlich für die gesamte Konzertplanung. Und es fällt auf: Auch dort gibt es wieder eine Reihe von Neuerungen und herausragende Jubiläen, unter anderem Beethovens C-Dur-Messe – eine Premiere für den Bachchor, der bislang die „Missa solemnis“ im Repertoire hatte – und erneut eine Soiree. Was war Ihr Leitgedanke bei der Programmgestaltung für 2027?
Christoph Siebert: Ich bin sehr glücklich, dass wir 2027 gleich zwei herausragende Jubiläen im Konzert feiern dürfen: 300 Jahre Matthäuspassion sowie 200. Todestag Beethovens! Und dies mit der von mir so heiß geliebten C-Dur-Messe, die in vielem die große Missa vorwegnimmt, erprobt quasi, und eine weite Palette schöner Farben und Stimmungen bereithält und eine sehr persönliche Auseinandersetzung Beethovens mit dem Messtext ist. Die C-Dur-Messe von 1807 ist tatsächlich ein faszinierendes Gegenstück zur späteren „Missa solemnis“. Beethoven bewegt sich hier noch stärker zwischen der Tradition der klassischen Wiener Messe und einer zunehmend individuellen, sinfonisch gedachten Tonsprache. Gerade deshalb finde ich es reizvoll, dieses Werk in Mainz erstmals mit dem Bachchor zu präsentieren: Es erweitert nicht nur unser Beethoven-Repertoire, sondern zeigt auch eine andere, unmittelbarere Seite seines Umgangs mit geistlicher Musik. Und bei der Matthäuspassion kommt natürlich noch etwas ganz Besonderes hinzu: 2027 jährt sich ihre erste Aufführung um 300 Jahre.
Die ökumenischen Vespern in der Augustinerkirche sind 2026 nach vielen Jahren ausgelaufen. Wie geht es hier weiter – wird es hier eine Alternative geben?
Christoph Siebert: Wir sind in Gesprächen über Alternativformate ohne Kantate, zum Beispiel in Form einer Vesper mit Motetten-Einlagen. Mir ist wichtig, dass geistliche Musik auch jenseits des klassischen Konzertformats ihren Platz behält. Eine Vesper bietet dafür einen sehr unmittelbaren Rahmen: Musik, Raum, Text und Liturgie können sich gegenseitig tragen, ohne dass daraus zwangsläufig ein großes Konzertprojekt werden muss.
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2027: JUBILÄEN, NEUE PERSPEKTIVEN

Für 2027 verbindet Siebert zwei große Jubiläen mit einer bewussten Erweiterung des Mainzer Repertoires: Bachs Matthäus-Passion und Beethovens C-Dur-Messe.

Die beiden großen christlichen Kirchen sind unverändert mit einer beträchtlichen Zahl an Kirchenaustritten konfrontiert. Der Bachchor Mainz ist fest in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau verankert und hat dort seine institutionelle Heimat. Was kann Kirchenmusik und geistliche Chormusik leisten, um die Menschen wieder näher an ihre Kirche heranzuführen?
Christoph Siebert: Gut musizieren. Das klingt zunächst lapidar, ist aber vielleicht die anspruchsvollste Antwort. Musik kann niemanden zum Glauben zwingen und soll das auch nicht versuchen. Sie kann aber einen Raum schaffen, in dem Menschen für eine bestimmte Zeit zur Ruhe kommen, sich berühren lassen und Erfahrungen machen, die sich nicht allein über Worte vermitteln. Das Potenzial der geistlichen Musik ist enorm und sie gehört in meinem Verständnis zwingend in den Alltag der Gemeinden hinein.
Erstaunlicherweise finden die großen theologischen Themen des Christentums – Geburt, Kreuzigung und Auferstehung des Gottessohnes – immer wieder ein großes Publikum, sowohl im Kirchen- wie im Konzertraum und oftmals quer durch alle Generationen. Wie erklärt sich das, obwohl 2025 nur noch 44 Prozent aller Deutschen in den beiden großen christlichen Kirchen gemeldet waren – 30 Jahre vorher waren es noch 68 Prozent?
Christoph Siebert: Vielleicht zeigt die Resonanz auf geistliche Musik auch, dass die Beschäftigung mit diesen Themen nicht allein eine Frage der Kirchenzugehörigkeit ist. Bach oder Händel, Mozart oder Beethoven sprechen mit ihrer Musik existenzielle Fragen an, die Menschen unabhängig von ihrer religiösen Biografie beschäftigen: Schuld und Vergebung, Tod und Hoffnung, Verlust und Trost. All das sind Themen des Lebens und der menschlichen Existenz, die in einer intelligenten und vor allem glaubwürdigen Verknüpfung der Kirchen auch Potenzial haben, die Menschen von der Sinnhaftigkeit, ja Notwendigkeit zu überzeugen, dass Kirche für existenzielle Facetten menschlichen Seins eine Heimat bietet. In guten wie in schlechten Zeiten.
„Ich möchte den Bachchor nicht auf eine bestimmte Klangästhetik oder ein bestimmtes Repertoire reduzieren.“
Christoph Siebert Dirigat
Christoph Siebert · Foto: Volkmar Wirth / Bachchor Mainz
Eine lange Tradition hat die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Evangelische Theologie in Mainz, in deren Rahmen seit Jahrzehnten die beliebten monatlichen Universitätsgottesdienste stattfinden mit jeweils einer Bach-Kantate. Was bedeutet Ihnen persönlich diese Zusammenarbeit?
Christoph Siebert: Sehr viel! Es ist ja das Herzstück meiner Arbeit in Mainz. Die Beschäftigung mit dem Korpus der Bach-Kantaten ist in jeder Minute ein solcher Gewinn für alle Beteiligten! Sie trägt dazu bei, Trost und Hoffnung und Liebe in die Welt zu musizieren. Für mich ist dabei entscheidend, dass die Kantaten nicht als museale Werke behandelt werden. Sie sind aus einer konkreten liturgischen Situation heraus entstanden und verbinden Bibelwort, Predigtgedanken, musikalische Rhetorik und menschliche Erfahrung auf einzigartige Weise. Wenn wir diese Verbindung in der heutigen Aufführung wieder erfahrbar machen können, ist sehr viel gewonnen.
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KIRCHENMUSIK BRAUCHT ZUKUNFT

Kirchenmusik soll für Siebert nicht auf das klassische Konzert beschränkt bleiben. Zugleich geht es um neue Formen, um die Bach-Kantaten und um die nächste Generation im Chor.

Gibt es ein Werk, das Sie in den kommenden fünf Jahren unbedingt mit dem Bachchor Mainz aufführen wollen?
Christoph Siebert: Auf jeden Fall. Zum Beispiel Haydns „Jahreszeiten“ und Schuberts As-Dur-Messe. Beide Werke würden hervorragend zu dem Weg passen, den wir mit dem Bachchor eingeschlagen haben. Haydns „Jahreszeiten“ verbinden eine große musikalische Farbigkeit mit einer unmittelbar verständlichen Natur- und Lebenswelt, während Schuberts As-Dur-Messe einen ganz anderen, ausgesprochen persönlichen Zugang zur geistlichen Musik eröffnet. Schubert arbeitete über mehrere Jahre an der Messe in As-Dur D 678; sie gehört damit auch zu jener Gruppe seiner großen geistlichen Werke, in denen sich seine individuelle Tonsprache zunehmend von der klassischen Tradition emanzipiert.
Der Bachchor Mainz startet in ein neues Konzertjahr – sind neue Sängerinnen und Sänger willkommen?
Christoph Siebert: Ja, unbedingt! Wir freuen uns über neue Stimmen, insbesondere auch über jüngere Sängerinnen und Sänger, die bereits Erfahrung im Umgang mit anspruchsvoller Chormusik haben. Der Bachchor ist ein leistungsorientiertes Ensemble und ein Chor, in dem man musikalisch viel entdecken und lernen kann. Wer Freude an anspruchsvoller geistlicher und weltlicher Chormusik hat, sollte einfach Kontakt mit uns aufnehmen und den Bachchor kennenlernen. Auf unserer Homepage finden sich die Infos zu dem Thema.
MUSIKJOURNAL · NOTIZ

Neue Stimmen willkommen

„Ja, unbedingt!“

Christoph Siebert über neue Sängerinnen und Sänger, insbesondere jüngere Stimmen mit Erfahrung in anspruchsvoller Chormusik.

Der Bachchor Mainz ist ein leistungsorientiertes Ensemble, in dem musikalisch viel zu entdecken und zu lernen ist. Wer Freude an anspruchsvoller geistlicher und weltlicher Chormusik hat, kann über die Homepage Kontakt aufnehmen und den Chor kennenlernen.