Die Schöpfung
Joseph Haydn (1732-1809)
Christuskirche Mainz, 3. Oktober 2009
Geblendet vom Lichteinfall
Frankfurter Allgemeine
Von Harald Budweg, 5.10.2009
Erbauliche Spannung: Ralf Otto dirigiert in Mainz Haydns "Schöpfung"
Mit der Komposition seines Oratoriums "Die Schöpfung" für drei Solostimmen, Chor und Orchester Hob. XXI:2 verband Joseph Haydn das Kalkül, dem Riesenerfolg des Händelschen "Messias" etwas Moderneres an die Seite zu stellen, womit Gedankengut der Aufklärung transportiert werden könnte. So steht am Ende der vom Gottesplan emanzipierte Mensch im Mittelpunkt des Geschehens. Haydns "Schöpfung" gehört heute zu den besonders beliebten Werken der Chortradition. Im 19. Jahrhundert bemängelten manche eine gewisse Biederkeit der Textvorlage und der Tonmalereien, obwohl diese Partiturstellen doch eine Art kultivierten Humors belegen, wie er auch in den Sinfonien Haydns immer wieder zum Ausbruch kommt. Für damalige Verhältnisse modern und experimentell hingegen muten die Einleitung "Die Vorstellung des Chaos" und der gewaltige C-Dur-Fortissimoausbruch bei der Vertonung des Wortes "Licht" an. Diese Stelle verfehlt auch heute ihre Wirkung nicht und belegt, dass der Komponist weit mehr im Sinn hatte als biedere Gefälligkeit.
Bei ihrer Interpretation in der Christuskirche Mainz spielten der Dirigent Ralf Otto, sein Bachchor Mainz und die Instrumentalisten des Münchner Ensembles "L'arpa festante" konsequent dynamische Kontraste und unterschiedliche musikalische Charaktere gegeneinander aus. Die engagiert gestaltenden Gäste aus Bayern spielten lebendig und akzentreich. Otto gelang es immer wieder vorzüglich, Passagen meditativer Ruhe und scheinbarer Selbstverlorenheit kraftvollsten Ballungen von drängender Qualität gegenüberzustellen. Der Bachchor reagierte flexibel auf all diese Anforderungen, wobei zum wiederholten Male die herausragende Homogenität und technische Perfektion der einzelnen Stimmlagen auffielen.
Obwohl die drei Vokalsolisten, zu denen sich zum Schluss noch die Altistin Nohad Becker gesellte, stilistisch nicht zu einer Einheit verschmolzen, vermochte ihre Haydn-Deutung doch in unterschiedlicher Weise vollkommen zu überzeugen: Der Tenor Hans Jörg Mammel agierte in diesem Verbund eher zurückhaltend, doch gefiel bei solcher Dezenz ein feingezeichneter, völlig unaufdringlicher Legatogesang. Mit schönem Timbre war der Bass Oliver Zwarg das Gegenstück - ein ausdrucksstarker, bühnenpräsenter Akteur, den man sich als zu Recht erfolgreichen Opernsänger denken mag. Zwischen diesen Polen die geschmeidig artikulierende und gestaltende Sopranistin Ruth Ziesak, die in diesem Rahmen schon oft zu hören war. Unter den zahlreichen "Schöpfungen" dieses Jahres war diese eine der erbaulichsten, aber auch musikalisch spannungsvollsten Interpretationen.
Auf einer Woge der Festlichkeit getragen
Allgemeine Zeitung Mainz
Von Maximilian Jäger, 5.10.2009
BACHCHOR: Mainzer Musiker führen zusammen mit Münchner Barockorchester "L´arpa festante" Haydns "Schöpfung" auf
Der Komponist und Hofmusiker Joseph Haydn ist mit dem Tag der Deutschen Einheit gleich zweifach verbunden. Einerseits, weil er die Melodie der Nationalhymne komponierte, andererseits, weil im Haydnjahr 2009 sein 200. Todestag gefeiert wird. Zu diesem Anlass führte der Bachchor Mainz am Samstag in der Christuskirche Haydns Oratorium "Die Schöpfung" auf.
Im Gegensatz zur öffentlichen Premiere 1799 war es jedoch nicht nötig, über hundert Musiker auf die Bühne zu bringen, um ein ordentliches Klangvolumen zu erzeugen. Das eingeladene Münchner Barockorchester "L´arpa festante" spielte seine mehr als tragende Rolle ausgezeichnet. Die Musiker, mit denen der Bachchor regelmäßig zusammenarbeitet, spielten wie gewohnt auf historischen Instrumenten und überzeugten durchgehend mit einem ausgewogenen und homogenen Klang. Besonderen Wert schien der Dirigent Ralf Otto auf einen dramatischen Gestus gelegt zu haben, der das reibungslose Zusammenführen aller Beteiligten krönte. Dieser Gestus machte sich teilweise in den Orchestermanieren bemerkbar, hauptsächlich aber bei den Gesangssolisten, die auf einer Woge aus Festlichkeit getragen zu werden schienen.
Wer die Mimik der stolzen Sopranistin Ruth Ziesak oder des jovialen Tenors Hans Jörg Mammel beobachtete, brauchte kein Textbuch mehr, um die Handlung zu verfolgen. Ziesak, die den Erzengel Gabriel verkörperte, verlieh ihrer Rolle mit konzentrierter Anspannung einen starken Ausdruck. Ihre aristokratische Haltung untermalte sie durch ihre dunkle, kehlige Stimme. Oliver Zwarg, der mit seinem kräftigen Bass dem Engel Raphael Einschlagskraft verlieh, fiel durch Ernst und Gewichtigkeit in seinem Gesang auf. Schon ganz zu Beginn des Konzerts ließ er die volle Breite seiner Stimme niederregnen. Einen beschwingten und flockigen Gegenpart dazu stellte der Gesang des Tenors Mammel dar. Er sang mit stolz geschwellter Brust den Part des Uriel, eine gelungene Besetzung.
Vor allem in den Duetten und Terzetten offenbarte sich ein herzerwärmendes Zusammenfügen der Solisten. Und auch die Musiker hatten im Auftauchen der Tiere in der Schöpfungsgeschichte die Gelegenheit, ihre ganze Klangfarbenvielfalt zu präsentieren, ausgezeichnet ausgestaltet durch Zwargs Gesang.
Es war eine ordentliche Aufführung von Haydns Werk, in die der Komponist schon einige emotionale Höhepunkte hineinkomponiert hatte. So ging während Uriels Rezitativ im ersten Teil nicht nur narrativ die Sonne auf, auch Chor und Orchester erblühten in diesem Moment im Glanze dieses Glückes und machten den Abend zu einem Fest.

