Deutsche Sinfonie op. 50
Hanns Eisler (1898-1962)
Christuskirche Mainz, 06.Dezember 2008
Das Blut der besten Söhne
Frankfurter Allgemeine Zeitung
von Harald Budweg, 06.10.2008
Hanns Eislers "Deutsche Sinfonie" in Mainz
"Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms - der Titel verweist darauf, dass der Komponist den lateinischen Text der katholischen Totenmesse zugunsten einer eigenen, deutschsprachigen Bibel-Textsammlung ersetzt. Brahms' Werk könnte auch "Ein Menschen-Requiem" heißen, denn der Mensch mit all seinem Hoffen und Bangen steht im Mittelpunkt, weniger ein strafender Gott. Austragungsort irgendwelcher gesellschaftspolitischer Ideologien jedenfalls ist Brahms' "Deutsches Requiem" gewiss nicht. Anders verhält es sich mit Hans Pfitzners Kantate "Von deutscher Seele": Der Komponist taucht in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in die romantische Gedankenwelt Eichendorffs ein und verhält sich dazu retrospektiv, wenn nicht reaktionär. Dennoch tat der Dirigent Ingo Metzmacher in Berlin recht daran, durch seinen Einsatz für dieses Werk die Qualität der Musik vor dem Hintergrund einer fragwürdigen Geisteshaltung zu retten. Ob seine Aufführung allerdings partout hat auf den Tag der Deutschen Einheit terminiert werden müssen, steht auf einem anderen Blatt. Ebenfalls am Nationalfeiertag ist in Mainz jetzt ein Zeichen ganz anderer Art gesetzt worden: In der dortigen Christuskirche haben sich der Bachchor Mainz, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, der Dirigent Ralf Otto und drei hochkarätige Vokalsolisten der Deutschen Sinfonie op. 50 von Hanns Eisler angenommen. Der Komponist, der schon 1933 emigrieren musste, hat das ambitionierte, 65 Minuten dauernde Werk für Soli, Chor und Orchester überwiegend in den späten dreißiger Jahren komponiert. Er hatte es zunächst "Konzentrationslager-Sinfonie" nennen wollen, den Themenkreis dann aber doch erweitert. Generell galt "deutsch" in Amerika zu dieser Zeit als Schimpfwort, so dass der gewollt diskreditierende Charakter auch ohne weitere Zusätze deutlich wurde. Um Eislers "Deutsche Sinfonie" wird seit Jahren ein großer Bogen gemacht. Sie wurde zwar 1959 endlich in Ost-Berlin uraufgeführt, doch selbst in der DDR mochte man das Stück nicht, weil der düsteren Sicht auf den Faschismus keinerlei Hoffnungsschimmer auf ein "besseres Deutschland" gewährt wird, was jeglicher Propaganda der dortigen Staatsideologie widersprach: Mit den Worten "O Deutschland, bleiche Mutter! Wie bist du besudelt mit dem Blut deiner besten Söhne" beginnt die Sinfonie. "Seht unsre Söhne, taub und blutbefleckt" heißt es im Epilog: keine Hoffnung, nirgends. Eisler, der neben Texten von Brecht auch eigene (nach Ignazio Silone) verwendet hat, belässt es nicht bei Kapitalismus- und Faschismuskritik. Sein Werk scheint am aktuellsten dort, wo jene vergiftete Geisteshaltung Einzelner, die sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen suchen, anschaulich wird. Zur Mainzer Aufführung hat der ehemalige hr-Musikchef Leo Karl Gerhartz zudem eine Sammlung kommentierender und erklärender Zeitzeugenberichte beigesteuert, die - rezitiert von Stephan Bootz - das Werk zu abendfüllender Länge weiteten. Die eigentlichen Gesangstexte wurden von Gerhild Romberger, Klaus Häger (anstelle des angekündigten Yorck Felix Speer) und Peter Lika eindringlich wiedergegeben. Eislers Musik, die Schönbergs Dodekaphonie in sehr eigentümlicher Weise mit seinem eigenen Songstil verbindet, wurde von der bestens disponierten Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und dem optimal vorbereiteten Bachchor Mainz unter Ralf Ottos umsichtiger Leitung zu wahrhaft großer Wirkung gebracht. Minutenlange absolute Stille am Ende der beeindruckenden Aufführung zeugte von allgemeiner Ergriffenheit. Den zahlreichen Unterstützern dieser Produktion gebührt Dank, besonders der Stadt Mainz, denn als Vorabbeitrag zählt die Sinfonie zu einer Ausstellung "Entartete Musik", die am 17. Oktober dort im Rathaus eröffnet wird.
Musik klagt Kriege an
Mainzer Rheinzeitung
von Andreas Hauff, 06.10.2008
Beeindruckendes Erlebnis:
Hanns Eislers "Deutsche Sinfonie" zum Tag der Deutschen Einheit
Vom Titel her passt die "Deutsche Sinfonie" zum Tag der Deutschen Einheit, auch wenn es sich eher um eine Kantate handelt. Dass sie von Hanns Eisler (1898-1962), dem Komponisten der DDR-Nationalhymne, stammt, muss nicht stören. 18 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die ideologischen Grabenkämpfe (wie einst in Mainz um Anna Seghers) Vergangenheit. Und dass Eisler und seine Musik von den Nationalsozialisten verfolgt und diffamiert wurden, macht das Konzert von Bachchor und Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in der Christuskirche zum geeigneten Auftakt für die kritische Präsentation der Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" (ab 17. Oktober im Rathaus). Eisler begann im Exil die Komposition in Gedanken an die Gefangenen in deutschen Konzentrationslagern. Nach dem Krieg weitete er die Perspektive aus: Der eindringliche, nachkomponierte Epilog bezieht auch deutsche Soldaten ein. So kann man die "Deutsche Sinfonie", wie Reinhard Bertram, Vorsitzender des Bach-Vereins, zur Begrüßung sagte, als grundsätzliche "Anklage gegen Hass und Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung" verstehen. Die von Stephan Bootz verlesenen Zwischentexte von Leo Karl Gerhartz unterstrichen diese Perspektive. Eisler war freilich auch Marxist, und in den vertonten Texten steht das Wort "Klassenkampf". Die Arbeiterbewegung aber, für die der Komponist schrieb, gibt es nicht mehr, und der muntere Klang der kämpferischen Schalmeienkapellen, den die Holzbläser zitieren, ist verstummt. Damit geht auch der utopische Gehalt verloren, der sich hinter den schlagwortartigen Parolen verbirgt. Die Musik wirkt hoffnungsloser, als sie gemeint war, und gibt diesem 3. Oktober ein dunkles Gesicht. Gründliche Probenarbeit und intensive Klangentfaltung rundeten sich in der Christuskirche zum beeindruckenden Erlebnis, an dem die Solisten Gerhild Romberger (Mezzosopran), Klaus Häger (Tenor) und Peter Lika (Bass) großen Anteil hatten. Dennoch hätte Eisler sich die Gesangspartien wohl nüchterner, den Chor zupackender und den Orchesterpart durchsichtiger gewünscht - und Wert auf das Zitat der Arbeiterhymne "Die Internationale" gelegt. Heute fällt dieser Zugriff schwer, zumal es keine Aufführungstradition gibt. Am spannendsten wurde der Abend dort, wo man Doppelbödigkeit spürte: In den "Flüstergesprächen", deren Anklage sich nicht nur auf das Nazi-Regime, sondern auch auf die stalinistische Sowjetunion und auf die gern humanitär begründeten Kriege in Jugoslawien, Irak und Afghanistan beziehen lässt. Oder an den eigenartigen Stellen, die wie Mahler klingen, als ob Eisler einem verlorenen Idyll nachträumte. So nahm der Hörer Fragen mit - und außerdem Respekt vor dem Mut der Ausführenden, sich an dieses schwierige Werk zu wagen.
Kolossalwerk der Trauer und Anklage
Allgemeine Zeitung Mainz
Von Siegfried Kienzle, 06.10.2008
Bachchor interpretiert Eislers Deutsche Sinfonie
Allzu lang stand Hanns Eisler (1898-1962) bei uns im Abseits. War er doch Kommunist und Komponist der DDR-Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen". So blieb er nur präsent mit der Bühnenmusik zu einigen Brecht-Stücken und als Namensgeber der Berliner Musikhochschule. Kein besseres Datum als den 3. Oktober, gesamtdeutscher Feiertag, konnte es geben, um Eisler mit seiner Deutschen Sinfonie op.50 heimzuholen ins musikalische Bewusstsein. Der Bachchor Mainz hat der Deutschen Sinfonie, die zunächst "Konzentrationslager-Sinfonie" heißen sollte, bereits 1992 in der Alten Oper Frankfurt unter Michael Gielen zu einer denkwürdigen Aufführung verholfen. Und so war der Chor auch diesmal unter Ralf Otto in der Christuskirche der bestmögliche Interpret für dieses über einstündige Kolossalwerk der Trauer und Anklage. Zwischen 1935 und 1937 in der Emigration in Los Angeles entstanden, aber erst 1959 in der Ostberliner Lindenoper uraufgeführt, sucht das Werk in seinen elf Teilen den Mittelweg zwischen Sinfonie, Oratorium, Kantate und Melodram - und erfordert neben Chor und Orchester noch Sprecher und drei Gesangssolisten. Den Großteil der Texte hat Eisler Gedichten seines Freundes Bertolt Brecht entnommen. Der Bachchor bewältigte bravourös die vielfältige Ausdrucksskala von Sprechgesang, Flüsterton, Aufschrei bis zum gewaltigen Ausbruch. Vom Vorspruch "O Deutschland, bleiche Mutter! Wie bist du besudelt mit dem Blut deiner besten Söhne" über die "Bauernkantate" und das "Lied vom Klassenfeind" bis zum erschütternden Epilog "Seht unsre Söhne, taub und blutbefleckt" hatte das beklemmende Intensität. Markant traf der Bariton Klaus Häger den Tonfall in der "Arbeiterkantate" und in "Zu Potsdam unter den Eichen". Besonders wandlungsfähig erwies sich der Bass Peter Lika, ob er nun donnernd das Kampflied anstimmte "Bauer, steh auf" oder im Flüsterton wispernd verbotene Nachrichten weitergab. Gerhild Romberger fiel mit ihrem wunderbar kantablen Mezzoton stilistisch aus dem Rahmen. Problematisch blieb die Erweiterung der Sinfonie durch zwischengeschaltete Textzutaten. Leo Karl Gerhartz versuchte mit historischen Zeugnissen, mit Erinnerungen an politisch Verfolgte wie Erich Mühsam und Ludwig Börne die von Eisler gewählten Brecht-Gedichte perspektivisch zu erweitern. Damit wurde die Geschlossenheit der Komposition infrage gestellt. Was ein politisches Gesamtkunstwerk sein wollte, kam trotz der markanten Sprecherleistung von Stephan Bootz über ein gesprochenes Programmheft kaum hinaus. Der dumpfe Marschtritt im "Präludium", die zarten kontrapunktischen Gesten in der Orchester-Etüde, die scharfgezackte Aggressivität im "Allegro energico", wo Eisler an seinen Lehrer Arnold Schönberg anknüpft - all das machte Otto mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zum Gegenpol der Vokalteile. Zum Schluss ergriffene Stille - dann donnernder Applaus.


