Bachchor Mainz - Pressestimmen
Anton Bruckner (1824-1896))
Messe f-Moll
Amanduskirche Bad Urach, 2. Oktober 2011
Christuskirche Mainz, 3. Oktober 2011
Innige Zartheit und erhabene Größe
Südwest Presse
von Susanne Eckstein, 04. Oktober 2011
Bad Urach. Ein hochkarätig besetztes, eindrucksvolles Kirchenkonzert: Anton Bruckners Messe f-Moll erklang in der Amanduskirche, aufgeführt von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Ralf Otto.
Auf den ersten Blick haben William Shakespeare, dessen (mutmaßliches) Konterfei das Programm der Herbstlichen Musiktage 2011 ziert, und der österreichische Sinfoniker Anton Bruckner nichts miteinander zu tun. Doch ein Aspekt eint sie: die Spannweite und die Dramatik, die ihre Werke auszeichnen. Beides kam in der Interpretation der F-Moll-Messe und des orchestrierten Streichquintett-Satzes deutlich zur Geltung, die der Bachchor Mainz und die renommierte Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit Sitz in Ludwigshafen unter Leitung von Ralf Otto am Sonntag darbot. Als stimmungsvolle Hinführung zu Bruckner wurde der Messe eine Rarität vorangestellt: der langsame Satz aus Bruckners quasi einzigem Kammermusikwerk, dem Streichquintett F-Dur. Nicht nur die Streicher vervielfachten den Klang, sondern auch die Raumakustik der Kirche verlieh den fünf Stimmen so reiche Fülle, dass etwa vorhandene Konturen quasi weichgezeichnet wurden. Ralf Otto und die Streicher betonten zudem den emotionalen Aspekt des Satzes, so dass er als tief beseelte, spätromantisch üppige Musik des großen Gefühls in kantabel gerundetem Wohlklang und weit gespannten Phrasierungsbögen ausgebreitet wurde. Breit, gefühlvoll und raumgreifend gestaltet wurde auch die F-Moll-Messe. Auch wenn Linien und Konturen vielfach im Hall verschwammen, ging doch von der durch Bruckner selbst schon kontrastreich eingesetzten und von den Mitwirkenden bis in die Extreme ausgereizten Dynamik eine große dramatische Wucht aus. Besonders beeindruckend: die gewaltigen Gegensätze und atemberaubenden Übergänge zwischen inniger Zartheit und erhabener Größe, wobei die Tutti-Ausbrüche allerdings durch die Raumakustik in mitunter unschöner Weise verstärkt wurden, wie etwa zu Beginn des "Gloria", der eher ans Jüngste Gericht als an den Lobpreis Gottes denken ließ. Klangschön, bezwingend und anrührend gelangen hingegen die A-cappella-Passagen, in denen Textworte und Stimmen klar und rein zu hören waren, etwa auf die Worte "qui tollis peccata mundi", wo Erlösung musikalisch erfahrbar wurde. Auch die Solisten Susanne Bernhard (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Christian Elsner (Tenor) und Thomas Bauer (Bariton) trugen den gefühlvoll-dramatischen Duktus der Aufführung als stimm- und ausdrucksstarke, klar vor dem Chor hervortretende Stimmen sowie als homogenes Ensemble in überzeugender Weise mit. Der dramatische Höhepunkt dieser Messe lag im Credo: Hier verkörperten die unbegleiteten Stimmen, allmählich leiser werdend, die Menschwerdung und das Sterben Jesu; dem Gang nach innen folgte unvermittelt, als expansive Bewegung nach außen - fast als Eruption des Klangs -, mit dem "et resurrexit" eine Auferstehung, die mit gewaltigem Donner die Bänke erbeben ließ. Das Sanctus danach offenbarte liebliches Labsal und göttliche Wucht, das Benedictus Momente erfüllten Musizierens, und im Osanna brach erneut heiliges Donnerwetter mit Pauken und Trompeten herein. Die abschließende Bitte um Frieden war nicht nur sanftes Flehen, sondern auch unmissverständlicher Aufschrei - bis mit der weichen Oboen-Melodie dieser Aufführung ein erlösender Ausklang beschieden wurde, einem imposanten sinfonischen Drama, das die Zuhörer nachhaltig beeindruckt haben dürfte. Langer Applaus dankte den Mitwirkenden.
Mysterium in Klang
Reutlinger General-Anzeiger
von Armin Knauer, 06. Oktober 2011
Herbstliche Musiktage - Der Bachchor Mainz und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit Bruckners Messe Nr. 3 f-Moll in der Amanduskirche in Bad Urach
Eigentlich ist ja Shakespeare das Thema dieser Herbstlichen Musiktage. Bevor sich jedoch das von Florian Prey geleitete Festival dem Kosmos des englischen Dichters zuwandte, hielt es am Sonntag noch einmal inne und versenkte sich in den Klangkosmos von Bruckners Messe Nr. 3 f-Moll. Auch das eine Welt voll Tiefgründigkeit - aber immer dem Mysterium des Glaubens zugewandt. In der gut besuchten Amanduskirche machten die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, der Mainzer Bachchor und überzeugende Solisten die Aufführung zu einem bewegenden Erlebnis. Vorangestellt war der langsame Satz aus Bruckners Streichquintett F-Dur in einer Fassung für Streichorchester. Von Dirigent Ralf Otto mit Blick für die weit gespannten Linien geführt, entwickeln die Streicher der Staatsphilharmonie ein feines, flexibles Klanggewebe, das Bruckners Bögen Atem und Wärme gibt. Die Steigerung im Mittelteil leuchtet intensiv, der Schluss haucht zart aus. Ein Beginn aus der Stille Das Kyrie der Messe erhebt sich fast unmerklich aus der Stille. Ganz zart und doch stabil in Klang und Intonation stellen die Frauen des Bachchors Mainz die demutvolle Anrufung in den Kirchenraum. Eine gedämpfte und doch zum Mysterium des Glaubens hin drängende Spannung liegt über dem Satz. Die gedämpfte Spannung explodiert geradezu in den Jubel des "Gloria". Die Herrlichkeit Gottes wird mit mächtigem Zug nach vorn beschworen, prägnant in der Rhythmik, strahlend im Klang über den donnernden Pauken. Das Orchester funkelt, die Trompeten und Posaunen kommen aber zu grell heraus. Der zahlenmäßig ansehnliche Chor hält druckvoll dagegen und bleibt dabei doch rund. Hohes Niveau zeigen auch die Solisten. Susanne Bernhard zieht im Sopran leuchtend und charismatisch die Linien. Gerhild Romberger gibt ihrer Alt-Partie Glut und Intensität mit. Christian Elsner glänzt mit strahlendem, klar geführtem Tenor, kraftvoll und mühelos. Sein Solo im Credo ist ein Ereignis! In der Farbe schön, aber im Gestus etwas angestrengt wirkt der Bariton von Thomas Bauer; er muss zu viel Vibrato einsetzen, um richtig durchzukommen. Zusammen bilden die Solisten ein ausgewogenes Quartett. Der größte Teil des Werks ruht indes auf den Schultern von Chor und Orchester. Bestechend, wie beide unter Ralf Ottos wachsamer Stabführung die scharfen Kontraste herausarbeiten. Gedankenschnell geschieht das Umschalten von sinnender Andacht zu frohlockendem Voranstürmen (nur der Übergang zum Hosanna im Benedictus wackelt kurz). Umgekehrt zieht sich der Chor übergangslos vom tosenden Jubel in zarte Nachdenklichkeit zurück. Im Orchester sind es vor allem die seidenweichen Streicher und leuchtenden Holzbläser, die begeistern - himmlisch das Oboensolo am Schluss! Im Chor faszinieren nicht zuletzt die zarten, harmonisch fein abgestimmten A-cappella-Stellen. Der Schluss ist ein mystisches Verklingen, das in die Stille nachhallt. Danach prasselt großer, verdienter Beifall für die Akteure.
Fürchte dich nicht
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Von Harald Budweg, 07. Oktober 2011
Bachchor Mainz meistert Bruckners f-Moll-Messe
Das waren noch Zeiten, als vor 40, 45 Jahren unermüdlich wirkende Bruckner-Dirigenten wie Eugen Jochum die Musikwelt nicht nur mit den Sinfonien, sondern auch mit den Chorwerken des Meisters versorgten. Wann kann man es heute schon einmal erleben, dass sich einer der kompetenten Rhein-Main-Konzertchöre an eine solch anspruchsvolle Aufgabe macht? In der dortigen Christuskirche nahm sich jetzt allerdings der Bachchor Mainz unter der Leitung seines Dirigenten Ralf Otto der Messe Nr. 3 f-Moll von Bruckner an. Die f-Moll-Messe ist die bekannteste, aber auch am meisten gefürchtete Bruckner-Messe. das Werk ist lang, romantisch expressiv, anspruchsvoll auch im Hinblick auf häufige Modulationen.Schon im Kyrie kann es leicht passieren, dass sie Choristen bei einer modulierenden A-Capella-Passage abrutschen, so dass der Widereintritt des Orchesters in der "richtigen" Tonart unliebsame Überraschungen bereithält. Auch die Gestaltung der Dynamik ist in diesem Werk eine absolute Souveränität erfordernde Aufgabe. So gesehen war es eine insgesamt großartige Leistung, wenngleich Ralf Otto an diesem Abend in der sehr gut besuchten Chistuskircheseine Sänger spürbar an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führen musste als sonst üblich. Nicht nur im Gloria gelangen strahlkräftige Partien prächtig. Zum Erfolg trug auch die keinen Augenblick lang mit Routine sich begnügende Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bei: Für den Sinfoniker Bruckner war die Gestaltung des Orchesterparts ja auch alles andere als Nebensache. Ein besonderes Vergnügen bereiteten die exzellent miteinander harmonisierenden Vokalsolisten: Schon die "Christe"-Einwürfe der Sopranistin Susanne Bernhard und ihres Kollegen Thmas Bauer (Bass) zeichneten sich durch wohlgestaltete Substanz und Intensität aus. christian Elsner ließ im "Et incarnatus est" seinen üppig wohlklingenden, wenngleich stets ein wenig gefährdeten Tenor mit voller Pracht aufblühen. Gerhild Rombergers markante Altstimme komplettierte das Quartett - die Sängerin hatte zuvor schon in Johannes Brahms' Rhapsodie für eine Altstimme, Männerchor und Orchester op. 53 brilliert.
Hochdramatisches Konzert
Allgemeine Zeitung Mainz
von Jan-Geert Wolff, 05. Oktober 2011
Rauschender Beifall für Interpretation von Brahms- und Brucknerwerken
Schon seit Jahren sind die Konzerte des Bachchors Mainz am 3. Oktober fester Bestandteil im Rahmen überregionaler Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. In diesem Jahr vereinte man Brahms mit Bruckner, die Altrhapsodie des einen mit dem Adagio aus dem Streichquintett F-Dur und der Messe in f-moll des anderen. Auf zwei Begriffe könnte man sich dabei beschränken, müsste man sich in der Wertung besonders kurz fassen: Hochdramatisch und geschmackvoll war dieses Konzert - sowohl was Werkauswahl als auch Interpretation und Wiedergabe anging. Schon im ersten Stück, der Altrhapsodie op. 53 von Johannes Brahms (1833-1897) vermochten die Männerstimmen des Bachchors gemeinsam mit Gerhild Romberger und der Deutschen Staatsphilharmonie die hohen Maßstäbe festzulegen, an denen sich nahezu jede Minute des Konzerts messen lassen durfte. Klanglich ausnehmend dicht steigt das Orchester ein in diese Vertonung eines Fragments aus Goethes „Harzreise im Winter“ und gefällt mit theatralischer Geste, ohne aus dem Klagelied ein Theater zu machen: Vergeistigt beschwört Rombergers klarer Alt die verschlingende Öde, die Schmerzen und den Menschenhass des Besungenen, der sich doch nach Liebe sehnt. Als der transparente und satte Männerchor einsetzt, bildet er einen watteweichen Unterbau, auf den sich die Altstimme wohlig betten kann. Romberger nutzt die vokal ausgestreckte Hand für ein Miteinander, in dem die Schlüsselwörter nicht bewusst betont, sondern als Zielpunkte auserkoren kunstvoll angesungen werden.
Einfühlen in als unsingbar empfundene Komposition
Vor dem Kraftakt der Messe von Anton Bruckner (1824-1896) ertönt ein Werk, das die Stimmung der ruhig verklungenen Altrhapsodie weiterspinnt: das anrührende Adagio aus dem Streichquintett F-Dur in der orchestralen Bearbeitung von Fitz Oeser (1911-1982). Mit durchdachter Dynamik wandert Dirigent Ralf Otto durch die Partitur, wobei er immer wieder innehält, um die Süße des Augenblicks zu kosten. Die Staatsphilharmoniker gefallen dabei vor allem in gehauchten Pianissimo-Passagen und schaffen Spannung durch Entspannung. In Bruckners dritter Messe f-moll ist die Kraft vom ersten bis zum letzten Takt spürbar: Sprachliche Finesse und Momente von bestechender Opulenz zeigen, wie gut der durch Studierende des Musik-Hochschul-Chores verstärkte Bachchor Mainz aktuell aufgestellt ist und sich in die zur Zeit ihrer Entstehung als unsingbar empfundene Komposition hineinfühlt. Nachdem Tenor Christian Elsner im Credo lyrische Zuversicht gepredigt hat, kippt die Stimmung gekonnt ins Morbide und die Bläser intonieren zu Christi Begräbnis einen fahlen Hymnus, bevor die Choristen mit einem aufbrausenden „Et resurrexit“ die Auferstehung preisen. Ein ätherisches „Sanctus“ mit pochendem Crescendo, der zarte Fluss des Benedictus‘ - das Solistenquartett, in dem neben Romberger und Elsner Susanne Bernhard (Sopran) und Thomas E. Bauer (Bass) gefallen, spiegelt sich trefflich in der Homogenität der Klangkörper. Auch nachdem Dirigent Ralf Otto schon lange die Arme gesenkt hat, braucht es seine Zeit, bis das Publikum aus dem tonalen Bann erwacht und den Künstlern mit rauschendem Beifall Dank zollt.
Tag der musikalischen Einheit
Darmstädter Echo
von Christian Knatz, 06. Oktober 2011
Die romantischen Widersacher Johannes Brahms und Anton Bruckner rücken in Mainz harmonisch zusammen
Nur ein Jahr trennt die beiden Werke, zwischen denen sich doch ein tiefer Graben auftun soll. Johannes Brahms fand den Wagner-Verehrer Anton Bruckner so unsäglich wie dessen Musik; beide stehen bis heute für gegensätzliche Ausprägungen romantischer Kunst. Der Mainzer Bachchor machte jetzt die Probe aufs Exempel. Im Verbund mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz packte Ralf Ottos Parade-Ensemble Brahms’ „Altrhapsodie“ mit Bruckners f-Moll-Messe zusammen und brachte die Kontrahenten in der Mainzer Christuskirche interpretatorisch einander näher, als ihnen lieb gewesen wäre. Den verschiedenen Genres und Handschriften zum Trotz ist im Abstand von 150 Jahren neben der gemeinsamen Vorliebe für Motivarbeit, zyklische Rundung und harmonische Lichtwechsel vor allem die musikalische Sprache einer Zeit zu vernehmen. Ob es nun Seelenzustände oder religiöse Anschauungen sind: Hier wie da drängt es das Ich, mit stets verfeinerten Mitteln seine höchstpersönliche Haltung in Töne zu fassen und diese mit Bekenntnis und Bedeutung, Wahrheit und Tiefe aufzuladen. Brahms wie Bruckner waren Meister darin. Das Niveau, auf dem sie in Mainz mühelos zusammengezwungen wurden, machte die Einheit in Vielfalt am Tag der Einheit um so deutlicher. Altistin Gerhild Romberger nutzte die Zärtlichkeit der Altrhapsodie als Energiequelle, die auch die behutsame Begleitung von Männerchor und Orchester speiste. Bruckners Messe trifft ihre Aussagen an vielen Stellen kerniger; das Gloria etwa endet im Orkan, doch wenn es passt – wie im „Deutschen Requiem“ – erntet auch Brahms in durchaus vergleichbarer Weise Sturm. Im Benedictus der Messe freilich schien sich Bruckner in Mainz zwischen all den Himmelsfanfaren an die Behutsamkeit der Altrhapsodie seines Gegners anzukuscheln. Ein starkes Solistenquartett um Tenor Christian Elsner formulierte hier zu wohligem Chor- und Orchesterklang die Botschaft des Tages: Ihr habt beide Recht gehabt.
Große Messe und große Interpretation
Mainzer Rhein-Zeitung
von Matthias Mader, 07. Oktober 2011
Bruckners größte Messe klingt erstaunlich intim
Die vielen Kisten und Instrumentenkoffer des Orchesters stehen noch im Eingangsraum – die Christuskirche ist eben keine Konzerthalle. Auch im Kircheninneren ist es voll, schon der Bachchor und der unterstützende Chor der Musikhochschule brauchen einigen Platz, dazu dann noch die üppig besetze Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Aber für das Publikum ist noch genügend Platz. Zum Glück. Denn der ganze Aufwand der fast zweihundert Musiker ist ja kein Selbstzweck. Und Anton Bruckners dritte Messe in f-Moll, das Hauptwerk des Konzertes am Tag der Deutschen Einheit, sorgt dafür, dass die Christuskirche auch akustisch gut gefüllt wird. Aber die Fülle des Klangs wurde nie drückend, der machtvolle Klangapparat – und Bruckner nutzt den durchaus ausgiebig – beschert dem Publikum keinswegs eine beschwerliche Enge. Ganz im Gegenteil. Der prägendste Eindruck nicht nur bei der Bruckner-Messe, sondern auch schon in der Altrhapsodie von Johannes Brahms, war die feine Ausgestaltung aller Klänge. Und das ist ein unbedingtes Verdienst Ralf Ottos. Ein wirklich großes noch dazu. Die geradezu verrückt wirkende Detailgenauigkeit in Chor und Orchester geht nämlich mit einer ungeahnten Offenheit der Brucknerschen Musik einher. Was da an Vorbereitung dahinter stecken muss! Erstaunlich intim klingt die größte Messe Bruckner in der Christuskirche. Das ist nicht gerade kammermusikalisch, aber trotz der teilweise mächtig geschichten Chor- und Orchesterklänge – irgendwie muss Bruckner ja noch zu erkennen sein – doch immer ganz direkte Musik, die sich nicht nur dem unbedingten Glauben ihres Schöpfers verdankt, sondern diese felsenfeste Gewissheit auch weitergeben kann – ohne zu verhehlen, dass vieles anders sein könnte. Der gern mal auftrumpfende, besserwisserische Bruckner kommt hier nicht zum Klingen. Ob es nun die berückende Innigkeit des Gloria ist oder die großartig ausgeformten Kontraste des Credo: Überall in dieser Messe herrscht ein lebendig-atmender Klang, der vor allem eine Geborgenheit in überlegter Gestaltung vermittelt, die sich den Rausch immer wieder versagt – und so vieles überhaupt erst zu erkennen gibt. Der Bachchor singt das wie ein gebändigter Tiger: Voller Kraft, mit pulsierender Wildheit und natürlichem Instinkt, die aber ganz dem Willen des Dirigenten-Dompteurs Otto unterworfen sind und – ohne gebrochen zu weden, ohne an Ausstrahlung zu verlieren – zivilisiert wurden. Das ist immer ein schmaler Grat zwischen banalem Klangrausch und gefühlsduseligem Kitsch, den Bruckner im Idealfall von seinen Dirigenten verlangt. Und noch dazu technisch nicht ohne Tücken. Otto wandelt sicher – und führt das Publikum so nicht nur zum Erleben, sondern zum ganz neuen Kennenlernen dieser großen Messe.


